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Von Null auf Aserbaidschan

2016 - 2017

Lesezeit: ca. 30 Minuten

   Kapitel 1   

Vor vier Jahren saß ich in der Uni (Bachelor Soziologie mit Nebenfach Musikwissenschaften) im Seminar „Musikalische Exploration im Kaukasus“ und hatte ein Problem: Ich befand mich nicht im Kaukasus, sondern im Seminarraum. Ich konnte mich nicht darauf einlassen und stellte grundsätzlich in Frage, ob diese für meine Ohren sehr schräg klingende Musik irgendetwas mit dem Leben im 21. Jahrhundert der Menschen in Armenien, Aserbaidschan und Georgien zu tun haben kann. Bis dahin kannte ich nur das 2011-ESC-Gewinner-Lied von Aserbaidschan und das war lupenreiner Pop. Noch viel mehr beschäftigte mich aber, dass ich mir generell nicht vorstellen konnte, dass in diesem Moment über 4000km weiter östlich Millionen von Menschen genau wie ich tagein tagaus ihren Alltag bestreiten und ich für diese Leute das ferne unbeschriebene Blatt bin. Bis dato war ich noch nie nennenswert außerhalb Deutschlands unterwegs, aber ich beschloss, dass ich diesen Perspektivwechsel, den ich in der Theorie nicht hinbekommen habe, praktisch angehen will.

So flog ich tatsächlich wenige Wochen nach Ende des Seminars zusammen mit meinem Kumpel Patrick nach Aserbaidschan. Er hatte, wie ich, weder Erfahrung mit Reisen in den Kaukasus noch sprach er Aserbaidschanisch oder Russisch, aber ohne ihn wäre ich das Abenteuer wohl nie eingegangen. Von Reisepässen, Visa und Flughäfen hatte ich keine Ahnung und generell hatte ich großen Respekt: Von Null auf Aserbaidschan.

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Die fünf Tage in Baku waren aufregend, allerdings schafften wir es nicht, uns aus der „Touristen-Blase“ zu befreien. Sightseeing, Restaurants und kleine Anekdoten. Touristisch gesehen eine super Ausbeute. Ich hätte Seiten über das füllen können, was in keinem Touristen-Guide fehlen dürfte. Was aber meine Frage zur Lebenswirklichkeit der Menschen in Aserbaidschan betraf, blieb das Blatt leer.