Kapitel 2   

Die Bewerbung war erfolgreich, aber offen gestanden war meine Motivation kurz vor Beginn des Workshops gar nicht mehr so hoch. Die zwei Wochen auf Juist fielen mit dem Start meines Masters (Sozialwissenschaften des Sports) zusammen und noch viel mehr hatte ich keine Lust mit „Künstlern“ abzuhängen. Für mich war das Filmemachen immer eine sportliche Disziplin, bei der man am Ende nicht Olympiasieger, sondern Oscar-Gewinner wird. Wer am meisten trainiert und Leistung zeigt, gewinnt. Das Künstlerdasein symbolisierte für mich das glatte Gegenteil.

Der Anlass des Workshops war aber alles andere als „Kindergarten“. Im Kaukasus gibt es einige Konflikte, die schon vielen Menschen das Leben gekostet und zu generationsübergreifendem Hass geführt haben. Dieser Workshop sollte junge Menschen aus den verschiedenen Regionen des Kaukasus zusammenbringen, damit sie miteinander sprechen können. Ich hätte mir vorher nicht vorstellen können, dass es etwas Besonderes sein könnte, dass Menschen miteinander sprechen. Ich hätte es mir aus der Tagesschau erschließen können, aber wahrscheinlich ging es mir wie vielen anderen auch: Alles was mit Krieg und ähnlichem zu tun hat, entzog sich meiner Realität und ich konnte es mir deswegen nicht vorstellen. Natürlich hatte ich auch bei meiner ersten Reise in Baku vom Konflikt mit Armenien gehört. Aber auch da waren es für mich nur abstrakte Geschichten. Dass im aserbaidschanischen Fernsehen vor den Nachrichten nicht Werbung, sondern Militärvideos zu sehen sind, irritierte mich. Da ich es aber nicht einordnen konnte, blendete ich es einfach aus.

Nun saß ich auf Juist sowohl mit Armeniern als auch mit Aserbaidschanern zusammen, sodass ich mich der Realität nicht mehr entziehen konnte. Anfangs dachte ich ja noch, dass das alles nicht so kompliziert sein kann. Aber spätestens, als ich mich stundenlang mit einer Frau aus Abchasien unterhielt, wusste ich, dass es eben nicht so einfach ist. Sie selbst lebt in Abchasien und hat mir mit persönlichen Geschichten von dem Konflikt mit Georgien erzählt. Das war sehr beeindruckend. Später habe ich mich aber mit Leuten aus Georgien unterhalten. Da kommt es dann auf jedes Wort an, denn für sie ist es kein Konflikt mit Abchasien, sondern Abchasien gehört zu Georgien und wird von Russland besetzt. Abchasien, so wie es mir die Frau darstellte, soll also gar nicht existieren. Genauso ist es auch beim Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Berg-Karabach. Völkerrechtlich sind die Verhältnisse klar, aber sollte wirklich alles, was mir die Frau aus Abchasien erzählte, „falsch“ sein?

Ich wurde mit Fragen konfrontiert, die ich vorher höchstens eine Nachrichtensendung lang aushalten musste, jetzt wurden diese Fragen aber lebendig. Noch heute versuche ich Lösungen zu diesen Fragen zu finden, aber das gelingt mir nicht. Besonders unerträglich ist die aktuelle Situation in der Auseinandersetzung zwischen Armenien und Aserbaidschan, bei der nach 1990 im September wieder ein großer Krieg ausgebrochen ist.Nichtsdestotrotz oder gerade weil der Kontakt mit diesen Menschen so viele Fragen bei mir aufwarf, wollte ich diese Chance unbedingt nutzen. Ich habe den Leuten aus Baku versprochen, dass ich sie schon bald in Aserbaidschan besuchen werde. Wie ich dort hinkomme, wusste ich ja jetzt. Über Turana, die ich auf Juist kennenlernte, konnte ich Kontakt zur Sportakademie in Baku aufnehmen. Per Skype habe ich dann schon im Vorfeld meine Idee geschildert, das Pflichtpraktikum meines Masters dort zu absolvieren. So kam es, dass ich nicht nur Freunde in Baku besuchen sollte, sondern auch einen Termin für ein Vorstellungsgespräch hatte.   Schwimmenlernen am Kaspischen Meer>>

Meine Neugier war immer noch da, ich habe aber nicht daran geglaubt, mehr als durch die letzte Reise erfahren zu können. Dann war es aber meine Dozentin aus dem Kaukasus-Seminar, die mir eine neue Möglichkeit eröffnete. Sie ermutigte mich, eine Bewerbung für einen Kunst-Workshop auf der Nordseeinsel Juist abzuschicken, bei dem Kreative aus Deutschland, Armenien, Aserbaidschan, Georgien und der Region Abchasien zusammenkamen.

Zwei Wochen später sah meine Welt anders aus – und sie wurde größer. Ich musste feststellen, dass ich nicht nur Sportler, sondern auch Künstler bin. Das einfach drauflos filmen, musizieren und diskutieren war eine (fast) völlig neue Erfahrung. Ich kannte sie schon, aber es war lange her: Es war wie im Kindergarten. Ich stand morgens auf, hinter jeder Ecke traf ich jemanden, mit dem ich mich kreativ austoben konnte und mit dem Strand der Insel war ja auch ein großer Sandkasten vor der Tür.

 

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Herbst 2017

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Frankfurt am Main, 2020

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