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  Kapitel 3   

 

Schwimmenlernen am Kaspsischen Meer

März 2018

Es war das gleiche Ziel wie bei der ersten Reise im Jahr zuvor, aber die Aufregung war kein Stück kleiner. Diesmal flog ich allein in die unbekannte Welt, in der tatsächlich Leute auf mich warten sollten. Schon im Flugzeug war klar: Das Wasser, in das ich gesprungen bin, ist eiskalt. Mit einem Plan in Sicherheit schwimmen kann ich vergessen, wenn ich meinem Ziel, das „echte“ Aserbaidschan kennenzulernen, näherkommen will. Ich habe mir tagelang überlegt, wie ich es wohl diesmal schaffe, am Flughafen ein Taxi zu bekommen, ohne dass ich wieder viel zu viel bezahle oder ich dem Fahrer nicht erklären kann, wo ich hin muss. Letztendlich war das gar nicht nötig, denn im Flugzeug habe ich mich mit einem Mann unterhalten, der geschäftlich in Baku zu tun hatte. Er bot mir an, dass sein Fahrer mich mit zum Hostel nimmt.
 

Dieses Prinzip zog sich durch die gesamte Reise. Jeder neue Kontakt brachte den nächsten Stein ins Rollen. In der Sportakademie zeigte mir Elmira, mit der ich ein paar Wochen vorher telefonierte, jeden Winkel der Institution. Bei den Gewichthebern habe ich sofort die Langhantel auf die Schultern gelegt bekommen und als ich erwähnte, dass ich es als Läufer gar nicht so mit Kraft habe, stand ich auch schon vor dem ehemaligen Trainer des 200m-Weltmeisters Ramil Guliyev, der für die Türkei startet, aber in seinem Heimatland Aserbaidschan immer noch ein Held ist.

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In einem Gespräch habe ich erwähnt, dass alles mit dem Musik-Seminar in der Uni begann, bei dem der Kaukasus Thema war. Ich konnte jederzeit die ersten Takte eines traditionellen aserbaidschanischen Stücks anstimmen und den Namen eines berühmten aserbaidschanischen Musikers nennen. Spätestens nachdem ich mich stets höflich auf Aserbaidschanisch vorgestellt und verabschiedet habe und auf Russisch gesagt habe, dass ich eigentlich weder Aserbaidschanisch noch Russisch spreche, war den Leuten egal, dass ich selbst nicht so genau wusste, was ich eigentlich will. Warum der Aufwand, was mache ich in Baku? Die Frau, der ich von dem Musik-Seminar erzählte, hat kurz telefoniert und mir eine Nummer mit einem Namen in die Hand gedrückt. Plötzlich hatte ich einen Termin in der Universität für Kunst und Kultur in Baku.

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Im Büro der Universität sitzend wurde ich wieder mit der gleichen unangenehmen Frage konfrontiert: Schön, dass Sie da sind – aber was kann ich für Sie tun? Dafür, dass ich eigentlich gar keinen handfesten Grund nennen konnte, war ich dann doch ziemlich lange da. Ich habe versucht, mir innerhalb von einer Stunde die gesamte aserbaidschanische Musikgeschichte und Harmonielehre erklären zu lassen. Ich ging auch nicht mit leeren Händen: Freikarten für eine Ballettaufführung und für ein Konzert von Nachwuchsmusikern. Und – natürlich – einen nächsten Termin, diesmal im Fachbereich „Film“. Dort war es nicht einfach, denn mein Gesprächspartner sprach kein Wort Englisch und ich immer noch kein Aserbaidschanisch. Aber auch dort habe ich trotzdem wieder lange Zeit verbracht und bin natürlich wieder mit einem neuen Termin gegangen. Leider wurde der Regisseur, mit dem ich mich treffen wollte, kurzfristig krank, sodass die Termin-Kette unterbrochen wurde.

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Mir wurde aber nicht langweilig, denn tatsächlich lebten alle, die ich auf Juist kennenlernte, wirklich in Baku. Dabei traf ich nicht nur meine Freunde, sondern auch deren Freunde und Familien. Mit Arshad sah ich Orte auf dem Land und durfte in dem Luxushotel in Baku herumlaufen, in dem er arbeitete, mit Nigar, Nazrin und Salman war ich im Theater, mit Turana schlenderte ich durch die Stadt und konnte alle Fragen stellen, die ich bei meinem ersten Besuch als Tourist nicht stellen konnte und Farida habe ich bei der Arbeit besucht. Vor allem traf ich aber Fidan, Ramina und Umay und ihre Freundinnen Arifa, Parvina und Lyatifa. Dabei sah ich auch die Werkstatt des Keramik-Künstlers, bei dem sie gearbeitet und gelernt haben. Ich war mir vorher ehrlich gesagt nie sicher, ob die Keramikkunst nun nur ein Hobby oder ein Beruf ist. Was das angeht, war ich mir bis zum Dreh des Films ein Jahr später noch nicht sicher, aber zumindest sah ich all die kreativen Kunstwerke und hörte die leidenschaftlichen Erzählungen und wusste: Da ist was! Vor allem gefiel mir das planlose und deswegen sehr erfüllende Herumlaufen. Ich wurde von einem zum nächsten Ort gebracht und verstand um mich herum die meiste Zeit nicht, was die Leute reden und wo ich bin. Das war ein interessantes Erlebnis. Und so wurde, wie auch auf Juist, wieder das Prinzip von „Erst denken, dann machen“ zu „Einfach machen, dann freuen“ umgekehrt.   Plan über Bord>>