Kapitel 5   

Trotz einiger WhatsApp-Nachrichten wusste ich wenige Tage später immer noch nicht, worum es geht. Eines Abends saß ich dann mit Leyla, ihrem Freund und der Schauspielerin im Auto. Es hieß, dass wir lange fahren würden und ich am besten schlafen solle. Die Stichworte, die ich zu dem Film kannte, waren „nackte Frau“, „Fisch“ und „Berge“. Ich war mir sicher, dass ich mindestens eines der Stichworte falsch verstanden haben muss, denn das ergab alles keinen Sinn. Die Berge stimmten aber offenbar. Irgendwann in der Nacht hielten wir an. Ich war eingeschlafen und hatte keine Ahnung, wie viel Fahrzeit vergangen ist. Es war stockdunkel, nur der Vollmond brachte ein wenig Licht. Um mich herum waren hohe steile Bergfelsen, deren Ende ich wegen der Dunkelheit nicht sehen konnte und ich hörte einen reißenden Fluss, den ich aber nicht verorten konnte, weil die Bergwände den Schall in alle Richtungen reflektierten. Wahrscheinlich war er direkt unter der schmalen Straße, die keine Leitplanken hatte.

Kurze Zeit später kamen wir an unserem Ziel an. Ein Dorf, dessen Lehmhäuser auf den Hängen gebaut sind und dessen einzige Straße am Fuße des Hangs entlangführt. Dort saßen wir im Auto. Ich konnte nicht einschätzen, ob wir dortblieben, weil wir nicht erwünscht waren oder ob es einen anderen Grund gab. Pünktlich zur Morgendämmerung wusste ich aber, dass ich die übrigen Stichworte richtig verstanden hatte. Da stand sie, die Schauspielerin, mit Angel in der Hand – nackt. Und ich sollte filmen. Hinter mir gingen ständig Lichter an und aus. Das Dorf erwachte. Ein Junge trieb die Tiere auf die Weide, ein anderer galoppierte mit seinem Pferd an uns vorbei. Und wenn die Luft wieder rein war, wurde gefilmt. Es ist unmöglich, dass die Leute nicht gesehen haben sollen, was wir machten. Aber scheinbar sollte es nicht offensichtlich passieren. Wenn jemand vorbeikam, wurde die Decke übergeworfen und mit guter Miene zum bösen Spiel Smalltalk gehalten: „Salam“.

Letztendlich blieben wir noch eine weitere Nacht und wohnten bei einer Familie in einer der Lehmhäuser. Hotels gab es selbstverständlich nicht, denn außer dem Dorf war weit und breit nichts außer grüner Landschaft. Manche der Bewohner nehmen Gäste gegen Bezahlung in ihren Häusern auf. In unserem Fall kochte die Frau für uns, während der „Hausherr“ uns im Wohnzimmer empfing. Wir aßen und schliefen in dem Dorf und zwischendurch gingen wir zum nächsten Hügel und filmten. Ich weiß bis heute nicht, was die anderen mit den Leuten gesprochen haben und wie es sein konnte, dass wir nicht hochkant rausgeflogen sind. Spätestens nachdem uns ein kleiner Junge von einem anderen Hang aus zurief, dass wir widerlich seien und er alles seiner Mutter erzählen würde, sah ich mich schon im Gefängnis oder mindestens in einer sehr unangenehmen Situation bei der Rückkehr ins Dorf. Aber es passierte: Nichts. Zum Abschied gab es ein nettes Abschiedsfoto und einen warmen Händedruck.

Von dem Spektakel abgesehen, das wir dann an einem (fast) leeren Strand in Baku wenige Tage später fortsetzten, lernte ich durch Leyla noch mehr Leute kennen. Wir besuchten ihre Tante, die die Nachbarschaft zu Besuch hatte, ihre Eltern und einen befreundeten Maler (Shahin). Alles an verschiedenen Orten in Baku, an denen ich allein niemals gelandet wäre. Neben viel Essen gab es auch immer lange und ausführliche Gespräche, auch wenn es in den meisten Fällen ohne gemeinsame Sprache gar keine Unterhaltung geben konnte. An den wichtigen Stellen fand sich immer jemand, der die richtige Übersetzung entweder per Pantomime oder Raten wusste.

Ich verbrachte wieder viel Zeit mit meinen Freunden aus Juist und lernte dabei deren Verwandte und Freunde kennen. Eines meiner Highlights war der Ausflug mit Ramina, Sevil und Parvina auf ein Dach, das als Fotomotiv diente. Das war nicht etwa eine Dachterrasse, sondern eine Baustelle. Das Haus erweckte eher den Anschein, dass die Baustelle für den Abriss des Gebäudes gedacht war. Auf dem Weg nach oben kamen uns immer wieder Bauarbeiter entgegen. Der letzte Schritt auf das Dach führte durch eine Luke. Unbefugt ohne Helm auf eine chaotische Baustelle gehen und anschließend auf dem Dach ohne Geländer herumlaufen ist etwas, das ich garantiert vorher und nachher nicht mehr gemacht habe. Das ist schließlich verboten und gefährlich. Nach meinen Lehrstunden mit Leyla in den Bergen galten aber plötzlich andere Regeln. Ich hatte eigentlich nur noch eine Regel: Nicht zuerst durch Türen gehen. Alles andere wird schon richtig sein. Ich musste mich im Zweifel nicht blöd stellen, denn das war ich ja ohne Sprachkenntnisse offensichtlich. Wenn es Klärungsbedarf gab, sprachen andere für mich.

Am Ende stand dann tatsächlich ein kleiner Film. Das war der Moment, an dem ich Fidan, Ramina und Umay gesagt habe, dass ich in genau einem Jahr wiederkommen und über sie und vielleicht ihre anderen Keramik-Freunde Arifa und Lyatifa einen Film drehen werde.   Der Main ist nicht das Kaspische Meer>>

Nach allen Regeln der Kunst

August 2018

Es dauerte keinen Tag, da war ich schon Teil eines Filmprojekts. An meinem ersten Tag lief ich mit Leyli und Ilkin, bei denen ich den Monat über hauptsächlich wohnte, durch die Stadt, um lauter langweilige Dinge zu erledigen. Wir waren in der Bank, im Handyladen, bei der Post – lauter schön-langweilige Dinge, für die sich die beiden entschuldigten, die ich aber sehr interessant fand. Eine teilnehmende Beobachtung in Baku, wie könnte es besser starten?

Als wir in der Bank saßen und darauf warteten, dass die Nummer, die wir gezogen haben, aufgerufen wird, schrieb Leyli mit ihrer Freundin Leyla, die ich zu dem Zeitpunkt noch nicht kannte. Da Leyli auch Filme dreht, wurde sie von Leyla – die hauptsächlich Malerin ist – gefragt, ob sie ihr dabei helfen könne, eine Kurzfilm-Idee umzusetzen, die sie schon lange im Kopf hatte. Sie hätte jetzt eine geeignete Schauspielerin gefunden. Da Leyli keine Zeit hatte, fragte sie mich, ob ich nicht die Kamera übernehmen wolle. Sie wüsste zwar nicht worum es geht, aber Leyla könnte es mir einfach selbst erklären – ihr Englisch sei allerdings nicht so gut. Und schon hatte ich eine Nachricht auf dem Handy.

Neben Fotografie gab es auch ein weiteres kleines Filmprojekt, das so etwas wie der Vorläufer oder Auslöser für „Sisters in Art“ war. An einem Tag besuchte ich mit Ramina und Umay ihre Freundin Ulviyya in ihrer Werkstatt. Dabei hatte ich die spontane Idee, einen kleinen Film über sie zu drehen. Ich erinnerte mich an das Schema, das ich bei meinem Praktikum kurz nach dem Abi beim Offenen Kanal Trier gelernt habe. Ein Interview, das mit Schnittbildern unterlegt wird. Also habe ich sie beim Malen gefilmt und mit ihr ein Interview geführt, bei dem ich auf Deutsch Fragen stellte und sie die Antworten auf Russisch gab. Sie konnte Deutsch verstehen, musste aber auf Russisch antworten. Dadurch habe ich die Antworten natürlich nicht verstanden. Später habe ich mich mit Arshad getroffen und wir haben es gemeinsam auf Englisch übersetzt.

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Frankfurt am Main, 2020

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