Kapitel 6   

Die zwei Besuche in Baku waren immer spezielle Situationen. Ich war Gast und darauf wurde „das Programm“ auch abgestimmt. Würde ich das nächste Mal nach Baku kommen und es gäbe wie bei den letzten Besuchen nichts zu sehen, weil es nur ein Hobby ist und sie zur Zeit nichts mit Keramik machen? Ich wusste es nicht. Ich blieb aber hartnäckig und suchte ständig den Kontakt. Ich bekam aber kein klares Bild. Mein Notnagel war Instagram, wo alle sehr aktiv sind. Wann immer ich etwas sah, fragte ich sofort nach der Bedeutung und hoffte, dadurch mehr Puzzleteile zu finden.

Ich konnte mit subtilem Kontakthalten kein greifbares Bild bekommen. Selbst als ich dazu überging, konkrete Fragen zu stellen und irgendwann sogar einen Fragebogen entwickelte und ihn von Freunden auf Russisch übersetzen ließ, kam ich nicht weiter. Wenn wir Kontakt hatten, waren die Aussagen immer sehr kurz und vage. Das lag zum einen daran, dass sie nicht perfekt Englisch sprechen, aber vor allem daran, dass für sie ihr Alltag normal und nicht erklärungsbedürftig erscheint.

Neben den ganzen „Trockenübungen“ half es aber vor allem, dass ich mit Anton und Philipp schleichend zwei ständige Unterstützer mit an Bord hatte. Sowohl mit Anton, der damals mein Arbeitskollege war, als auch mit Philipp, meinem Mitbewohner, habe ich fast täglich über das Projekt gesprochen. Beide hatten weder Erfahrung mit Filmproduktionen noch mit Reisen nach Aserbaidschan, aber es ergab sich ganz selbstverständlich durch die Gespräche, dass sie bei dem Dreh dabei sein werden.    Von der Langstrecke zum Hürdenlauf>>

Der Main ist nicht das Kaspische Meer

Sommer 2018 - Sommer 2019

Ich hatte also endlich ein Thema und die nach wie vor ungebremste Motivation, einen Film zu drehen. Da ich aufgrund der Visabeschränkungen maximal vier Wochen vor Ort sein könnte, musste ich versuchen, von Frankfurt aus den Alltag der Künstlerinnen zu verfolgen, um beim Dreh ein Jahr später direkt einsteigen zu können.

Ich möchte bei einem Dokumentarfilm in die Lebenswelt anderer Menschen eintauchen, unsichtbar mitlaufen und dabei Geschichten finden. Genau wie die Protagonisten beim Dreh nicht merken sollen, dass ich da bin und es auf diese Weise so authentisch wie möglich bleibt, würde ich sie bei der Vorbereitung so wenig wie möglich zu irgendwelchen plakativen Eckpunkten befragen. Ich hatte aber keine andere Möglichkeit, da ich ja noch nicht einmal die Gesellschaft kannte, in der sie leben. Wie soll ich dann verstehen, was sie so besonders macht?

Es war verzwickt. Je weniger ich wusste, desto mehr war ich davon überzeugt, dass es einen Film über die Künstlerinnen geben muss. Desto größer wurde aber auch die Sorge, dass ich nichts erfahre, weil es nichts zu erfahren gibt. Die Sprache war und ist ein großes Hindernis. Darum habe ich mich mit der Geburt des Projekts auch gleich beim Russisch-Kurs angemeldet. Innerhalb von einem Tag konnte ich das kyrillische Alphabet lesen. Ich lernte schnell erste Wörter. Ich kam aber leider nicht bis zum Dreh über das Einsteiger-Niveau hinaus. Trotzdem ist es bemerkenswert, dass ich angefangen habe Russisch zu lernen. Das hätte ich vorher nicht für möglich gehalten – warum auch? Aber jetzt hatte und habe ich einen Grund.

Die Situation war anstrengend, ich habe das aber auch als elementaren Teil der Herausforderung gesehen. Täglich habe ich mich vorbereitet, obwohl es nichts zur Vorbereitung gab. Ich bin irgendwann dazu übergegangen, mir ein System auszudenken, das auch funktioniert, wenn ich ohne den Hauch einer Ahnung nach Baku fliegen würde. So kam es zu dem Generalproben-Projekt mit Pia und Lasse („Beide für Eine“, 2019), die sich im Frühjahr vor dem September-Dreh in Baku auf ihren Marathon in Rotterdam vorbereiteten. Die beiden ließen sich darauf ein, dass ich ihre Vorbereitung und ihren Marathon begleite und daraus einen Film mache. Ich wollte testen, ob ich es schaffe, vor allem beim Marathon selbst, bei dem wirklich nichts wiederholt werden kann, die Situationen schnell zu erfassen und sie richtig einzufangen. Es ging vor allem darum, bei der Vorbereitung auf den Marathon in scheinbar uninteressanten und oft gesehenen Situationen die Geschichten zu finden, ohne reines Faktenwissen wiederzugeben. Der Film wurde fertig und ich habe viele Erkenntnisse und Sicherheit gewonnen. Komplett konnte ich die Situation in Baku aber nicht simulieren, da Pia und Lasse Deutsch sprechen und ich als Läufer, der sich selbst schon auf Wettkämpfe vorbereitet hat, schon erahnen konnte, was passieren wird.

Kontakt

Frankfurt am Main, 2020

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