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Für mich als Soziologe und Filmemacher ist der langweilige Alltag anderer Leute interessant. Beispielsweise fand Umay während der Drehzeit einen Raum, in dem sie arbeiten konnte. Ich habe davon zufällig erfahren. Sie war fest davon überzeugt, dass es für mich erst interessant wird, wenn sie komplett umgezogen und alles fertig eingerichtet sei. Aber genau der Umzug war das Interessante, weil daran deutlich wurde, dass Keramik-Arbeiten nicht oder nur sehr schlecht im Wohnzimmer gemacht werden können. Es stellte sich sogar als zentrales Thema für Keramik-Künstlerinnen heraus. Wahrscheinlich stehen jede Keramikerin und jeder Keramiker vor der Frage, wo und wie sie eine Werkstatt finden. Auch Ramina hat eine eigene Werkstatt und Fidan bedauerte, dass sie zum Zeitpunkt des Drehs keine hatte und ihr Vater deswegen einen Raum im Keller für sie umfunktioniert hat.

  Kapitel 7   

Von der Langstrecke zum Hürdenlauf

September 2019

Nach einem Jahr Vorfreude, Ideen und Zweifel war ich endlich in Baku. Leider änderte sich auch vor Ort die Tatsache nicht, dass ich immer nur an der Oberfläche kratzen konnte und durch die Sprachbarriere und die für mich unbekannte Gesellschaft gar keine richtige Idee hatte, was ich filmisch erzählen könnte. Ich glaube, dass ich normalerweise jederzeit einen Film drehen könnte. Ich kann die Situationen und Umstände sofort erfassen und vor meinem geistigen Auge in einen Film übersetzen. Das funktioniert natürlich nur, wenn ich gezielt aber auch dosiert mit den Menschen sprechen kann und ich auch den Kontext um mich herum verstehe. Also war ich auf das Mitdenken von Ramina, Fidan und Umay angewiesen, was keine gute Ausgangssituation für einen aussagekräftigen Film ist. 

Ich musste schnell feststellen, dass auch die Kompromisse nicht funktionieren werden, die ich mir überlegt hatte. Schon in der Vorbereitung fiel mir auf, dass ich durch gezielte Fragen und Mitarbeit der Protagonistinnen nicht weiterkommen würde. Eigentlich ist mir diese Erkenntnis auch schon aus der Soziologie bekannt: Feldteilnehmer erzählen über ihr Feld nie, wie es „wirklich“ ist, sondern sie konstruieren ihre eigene Realität. Genau, wie ich das mit dem Film auch machen werde. Und die Realität der Feldteilnehmer ist für sie selbst Alltag. Und Alltag ist langweilig.​

Das Thema rund um die Werkstatt hat mir gezeigt, dass ich doch schon ein grobes Bild gewonnen hatte, wie der Alltag und die Probleme aussehen. Darum habe ich angefangen, eine Struktur zu bauen, die ich dann mit Szenen füllen kann. Ich schraubte das Abstraktionslevel so weit runter, dass ich auf jeden Fall mit einem Film nach Hause gehen würde, wenn ich nur für jeden Punkt eine Szene hätte. So wusste ich zum Beispiel, dass die Werkstatt ein zentrales Element ist. Wir sprachen auch immer wieder über den Anspruch, künstlerischen Prinzipien zu folgen und die Notwendigkeit, anspruchslose Massenware zu produzieren. Neben der Werkstatt, in der die Teile gefertigt werden, wusste ich durch Instagram-Posts um die zentrale Bedeutung der teuren Öfen, mit denen die Arbeiten gebrannt werden. Ich versuchte mit meiner Struktur also die Stationen auf dem Weg zur Keramikkünstlerin beziehungsweise vom Ton bis zum gebrannten fertigen Stück nachzuzeichnen. Es gab einige Punkte, die ich auch von meinem eigenen Weg zum (freiberuflichen) Filmemacher kenne.

Als Dokumentarfilmer muss man zunächst besonders sozial sein, um das Vertrauen der Protagonisten zu bekommen, damit es überhaupt ein Filmprojekt geben kann. Sobald die Kamera läuft, gilt es aber jede Form der sozialen Interaktion einzustellen, da ich hinter der Kamera für den Zuschauer nicht existiere und das Geschehen vor der Kamera nicht dadurch beeinflusst werden darf. In Baku war ich aber vor allem als Freund und Gast da. Beispielsweise war ich beim Umzug von Umay mit der Kamera zur Stelle und lernte dabei ihren Vater kennen. Eigentlich. Denn ich musste sicherstellen, dass alle um mich herum verstehen, dass ich kein Gesprächspartner bin. Noch schlimmer: Ich ließ die Leute die schweren Kisten tragen und filmte sie dabei, wie sie erschöpft ihre letzte Kraft zusammennahmen, um die letzten Kisten ins Auto zu packen. Natürlich hätte ich ein paar Bilder sammeln und dann helfen können. Aber so funktioniert das leider nicht. Erst wenn ich für die Leute vor der Kamera wirklich Luft bin, entstehen die Situationen, auf die ich die ganze Zeit warte.

Noch schlimmer war es für Anton und Philipp, denen ich oft gesagt habe, dass sie gehen müssen oder nicht mitkommen können. Ich kann nicht unsichtbar werden, wenn noch außer mir zwei weitere Leute hinter der Kamera mitlaufen. Es würde ständig zu subtiler oder offensichtlicher Kommunikation kommen. Diese Konstellation zwang sie ebenfalls immer wieder zu unhöflichem Verhalten. Das wiederum führte dazu, dass mich Fidan einmal ganz ernst zur Seite nahm und mich fragte, ob es den beiden nicht gefallen würde. Ich glaube weder Anton und Philipp noch Fidan, Ramina und Umay haben zu dem Zeitpunkt verstanden, was ich damit bezwecke. Aber das Besondere ist, dass sie es akzeptiert haben und wussten, dass schon irgendwas dahintersteckt, weil sie mich kennen. Umso wichtiger war die Rolle von Anton und Philipp vor und nach den Drehs, wenn ich ihnen meine Gedanken und Ideen zuwerfen konnte, während ich das Material bis in die Nacht sichtete und anschließend mein weiteres Vorgehen aktualisierte.

Ich drehte den Film ohne tiefergehende Kenntnisse über die Gesellschaft in Aserbaidschan. Da das Publikum das Wissen auch nicht hat, war es notwendig, die Geschichte in diesen Kontext einzubetten. Weil ich gelernt habe, dass die Feldteilnehmer nicht über ihr eigenes Feld sprechen können, wie ich das gerne hätte, habe ich beschlossen, dieses Thema abstrakt zu lösen. Wir sind einen kompletten Tag mit Leyla und eine Nacht mit Murad durch Baku gezogen und haben Eindrücke gesammelt. Diese habe ich dann so zusammengeschnitten, wie ich die Stadt wahrgenommen habe. Gleichzeitig habe ich damit dem Film auch einen Rahmen gegeben. Er beginnt mit Baku bei Tag und endet mit Baku bei Nacht. Der Film ist ein Tagesausflug nach Baku, bei dem die Zuschauer Fidan, Ramina und Umay kennenlernen, als wären sie sich zufällig über den Weg gelaufen. So konnte ich auf dramaturgischer Ebene klarmachen, dass der Film nicht besonders tiefgründig ist, das aber auch nicht vorgibt. Filme konstruieren immer eine eigene Wirklichkeit, es wäre naiv das abzustreiten, aber vielleicht konnte ich den Film auf diese Weise auf eine gewisse Art „ehrlich“ machen.

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Die Struktur gab mir Sicherheit, denn auf die Interviews konnte ich auch nicht bauen. Mein Plan war, dass Turana – die sehr gutes Englisch aber auch Russisch spricht – die Interviews führt, nachdem ich mit ihr vorher besprochen habe, was mich interessiert. Das funktionierte aber nicht. Es kam ständig zu Situationen, bei denen sowohl Turana als auch Ramina gestoppt und mich angeguckt haben und wissen wollten, wie ich dieses oder jenes meinte oder was ich hören will. Dabei wurde Ramina immer nervöser. Ich verstand, dass Interviews immer einen Kontext und spontane Nachfragen brauchen. Daher musste ich schließlich doch immer wieder kreative Wege finden, die Interviews selbst zu führen.   Die Kryptische Nachlese>>