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Wenn der Film also nicht bei Festivals laufen soll, dann wollte ich wenigstens meine eigene Veranstaltung machen. Nach der Einladung von Ramina zu ihrer Hochzeit im Mai, war der perfekte Termin gefunden. Auch Anton und Philipp wären wieder dabei gewesen. Ich habe mir mit Leyla überlegt, dass wir gemeinsam ihren und meinen Film in dem Theater zeigen, in dem sie aktiv ist. Es hätte interessant werden können, wenn die Leute aus Baku einen Film von mir sehen und wir uns anschließend gegenseitig Fragen stellen könnten. Leider kam bis heute die Corona-Pandemie und der Karabach-Krieg dazwischen.Jetzt ist es aber an der Zeit, den Film zu zeigen. Mit dem Schreiben dieses Texts und der Veröffentlichung des Films auf meiner Homepage, kann ich das Projekt endlich abschließen. Trotzdem hoffe ich, dass ich bald nach Baku fliegen und dort den Film nochmal zeigen kann. Dann könnten Fidan, Ramina und Umay dabei sein und davon erzählen, was sich seit dem Film geändert hat.   Film ansehen >>

  Kapitel 8   

Die kryptische Nachlese

2019 - 2020

Am Ende hatte ich von jedem Interview über eine Stunde Material, von dem aber nur ein Bruchteil aus Antworten bestand, die ich im Film verwenden konnte. Der Rest ist eine Dokumentation davon, wie ich verzweifelt versuche, mit Englisch und Pantomime meine Fragen zu erklären. Dabei halfen mir dann tatsächlich auch die paar Worte Russisch, die ich gelernt habe. Beispielsweise wollte ich von Umay wissen, was sie in der Ziegelei, aus der sie ihr Material bekommen, genau machen. In ihrer Antwort hörte ich das russische Wort für „Montag“ und hab so zum Glück gemerkt, dass sie mir gerade nur davon erzählt, dass sie am Montag vorhaben, in diese Ziegelei zu gehen. Sie sagte aber nicht, was sie dort grundsätzlich machen.

Da mir alle drei auf Russisch und Aserbaidschanisch antworteten und wir auf Englisch nur oberflächlich reden konnten, wusste ich Wochen nach dem Dreh noch nicht, was sie gesagt haben und ob es mit dem zusammenpasst, was ich gedreht und mir überlegt habe. Da eine Übersetzung des kompletten Materials zu teuer gewesen wäre, habe ich es zunächst nur transkribieren lassen. Mithilfe von Google-Übersetzer bin ich dann einige Seiten voller schlechter Übersetzungen durchgegangen und habe versucht, interessante Passagen zu identifizieren. Bei den Übersetzungen, die auf den Transkriptionen beruhten, fiel mir schnell auf, dass an vielen Stellen die Logik durcheinandergeraten ist. So kam es, dass ich selbst nach dem Dreh noch mit den übersetzten Interviews auf Englisch per WhatsApp versuchen musste, herauszufinden, was sie meinten.

Da fing die Arbeit erst an. Im Schnitt musste ich erörtern, wo ein Satz beginnt und wo er aufhört. Natürlich wurde nicht jeder russische und aserbaidschanische Satz Wort für Wort ins Deutsche übersetzt. Ich habe – wieder mit Google-Übersetzer – erarbeitet, welche Sätze zusammengefasst wurden und wo sie anfangen und enden, damit ich im Film nicht mitten im Satz die Stimme wegschneide. Genauso musste ich bei den Untertiteln herausfinden, welcher deutsche geschriebene Satz unter welcher akustischen Stelle im Film stehen muss. Dafür war es nötig, das Gesprochene in den Transkriptionen mitzulesen. Russisch war kein so großes Problem, da ich kyrillisch lesen kann und auf Russisch alles so gesprochen wird, wie man es schreibt. Aserbaidschanisch war dagegen eine große Herausforderung, weil ich kein Gefühl für die Sprache hatte und nicht wusste, wie das, was da geschrieben steht, ausgesprochen klingt.

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Nach dem Dreh habe ich trotz aller Widrigkeiten, insbesondere hinsichtlich der Sprache, den Film innerhalb weniger Wochen komplett fertiggestellt. Es war mein Ziel, dass zum ersten Mal eine Arbeit von mir bei einem Filmfestival läuft. Obwohl ich denke, dass ich den Film an die passenden Festivals geschickt habe, erreichte ich nie mehr als eine standardisierte Absage. Vielleicht ist er für einen Kurzfilm zu lang und für einen Langfilm zu kurz. Viel wichtiger war mir aber, dass Fidan, Ramina und Umay den Film sofort sehen. Ich war sehr aufgeregt, da sie ja sagen könnten, dass der Film völliger Quatsch ist und nichts mit ihrer Wirklichkeit zutun hat. Sie waren aber begeistert und haben den Film sofort ihren Familien gezeigt!

Die Ergebnisse meiner "musikalischen Exploration" in Baku

Alles begann mit dem Seminar zur Musik im Kaukasus. In dieser Playlist habe ich eine Auswahl der Ergebnisse meiner "Feldforschung" zusammengestellt. Mit offenen Ohren, einer Musikerkennungs-App und Nachfragen bin ich auch musikalisch am Ball geblieben - bei Besuchen, im Taxi, in der Shopping Mall, im Theater. Anfangs fragte ich mich ja, ob die Menschen in Aserbaidschan wirklich die traditionelle Musik hören, die wir im Seminar besprochen haben oder ob sie nicht doch auch an die gleichen Radios angeschlossen sind, wie ich.

Die Realität, die ich in Baku gesammelt habe, ist bunt gemischt. Von Charts im Fitnessstudio über Fahrstuhlmusik im Taxi bis hin zu Pop im Supermarkt bekam ich alles auf die Ohren, was ich auch in Deutschland vorgespielt bekomme, also weit entfernt von traditioneller aserbaidschanischen Musik. Die gab es aber auch oft und interessanterweise sprachen manche meiner Freunde von "neuer" Musik, wenn sie Stücke aus den 50ern meinten. Am meisten überraschte mich aber, dass ich auf "Modern Talking" als legitime Hintergrund-Beschallung einer seriösen entspannten Runde gestoßen bin. Ich versuchte verzweifelt Dieter Bohlen zu umschreiben und zu erklären, wieso ich irritiert bin. Meine Freunde nahmen das recht emotionslos hin. Emotionaler wurde es aber, als ich alleine im Konzert war und gegen Ende plötzlich alle aufstanden und ergriffen mitsangen. Ich bin vorsichtshalber auch aufgestanden, bis ich dann endlich verstanden habe, dass hier gerade von den Kindern, die zuvor ihr Können auf der Violine vortrugen, zum großen Finale mit der Nationalhymne angesetzt wird.